Referat 1

Suche den Frieden und jage ihm nach
(RB Prol 17; Ps 34,15)

Sr. Margaret Malone SGS, * 1936

St. Scholastica’s/ Toxeth House/ 2.AV.Road/ Globe Point SNW 2037/Australia
Vortrag am 21. 9. 2003 bei der C.I.B.- Conference in Sydney/Australien
(Ins Deutsche übersetzt von Sr. Lucia Segler OSB, Köln)

Ich möchte einen Punkt betrachten, der enorme Auswirkungen auf das Gemeinschaftsleben hat. Es geht um  die Frage der Versöhnung innerhalb der Gemeinschaften, um die Situationen, die uns diese Versöhnung abverlangen und um die Frage, wie wir den Frieden suchen und ihm nachjagen können . Welche Prozesse können uns dabei behilflich sein ?

Mein Ausgangspunkt stellt ein Werkzeug der geistlichen Kunst dar: „Nach einem Streit noch vor Sonnenuntergang zum Frieden zurückkehren.“( RB 4,73) Die Quelle dieses Textes ist zweifellos die bekannte Stelle aus dem Epheserbrief 4,26, in der es heißt: „ Lasst euch durch den Zorn nicht zur Sünde hinreißen! Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen.“ Die Neuenglische Bibel hat in ihrer Übersetzung eine interessante Nuance. Dort heißt es: „Wenn du zornig bist, lass nicht zu, daß der Zorn dich zur Sünde hinführt, und lass den Sonnenuntergang dich nicht vorfinden als jemand, der den Zorn immer noch pflegt. Lass kein Schlupfloch für den Teufel.“ So ist nicht der Zorn an sich das Problem, sondern wie wir mit ihm umgehen. Wir sind angehalten, ihn nicht zu „pflegen“,  uns von ihm nicht in die Sünde führen zu lassen, wir sollen uns Mühe  geben, den Frieden zu erneuern. Vermutlich ist die Zeitbegrenzung von „vor dem Sonnenuntergang“ eher symbolisch gemeint und in der Praxis nicht immer durchführbar, aber nichts desto trotz beinhaltet diese Aussage etwas, das getan werden muß.

André Louf sagte einmal, daß eine christliche Gemeinschaft als ein Ort der Verzeihung und Heilung auf menschliche Schwäche gegründet ist.

Ich vermute, viele von uns wissen um die Schwächen in unseren Gemeinschaften, aber erleben wir sie auch als Orte der Verzeihung und Heilung? Ja, wir werden fragen müssen, ist die Aussage: „Nach einem Streit noch vor Sonnenuntergang zum Frieden zurückkehren“ (RB 4,73) eine Möglichkeit für uns? Natürlich ist dies in der Welt nicht der Fall, wo „Auge um Auge“ die bevorzugte Form des Umgangs zu sein scheint.

Wenn wir den Text der Regel betrachten ist uns klar, daß wir Benedikt nicht nur unmöglichen Idealismus vorwerfen können.

Wenn wir nur einige Fälle anschauen, vor denen er im Kapitel 4 warnt, dann können wir sehen, daß er weiß, daß solche Dinge selbst in den besten Kreisen vorkommen. Er hatte es sogar schon selbst erlebt. Hier einige Punkte, die er in diesem Kapitel erwähnt, das die Universalität von Sünde auf den Punkt bringt. Sünde, die die Gemeinschaft zerfrisst, den Frieden zerstreut und die uns zeigt, daß wir es brauchen, auf Ganzheit und Versöhnung hinzuarbeiten. Er nennt in diesem Zusammenhang Zorn, Rache, List, falschen Frieden schließen, Böses mit Bösem vergelten, Murren, Auseinandersetzung, Neid, Eifersucht, Hass und Verleumdung. Natürlich, was Benedikt die meiste Zeit tut, ist aufzuzeigen, dass die Gemeinschaft eine Gemeinschaft sein soll, die versucht aus dem Evangelium heraus zu leben. Letztlich können einige dieser Fehler auch in unseren eigenen Gemeinschaften auftreten. Und wo die Sünde grassiert, was ist dort mit Versöhnung? Ich denke, daß dies ein Schlüsselmoment für uns in unserem Leben ist. David Armstrong, ein protestantischer Minister aus Nordirland, der durch die Ältesten seiner Kirche aus der Stadt vertrieben wurde, als er versuchte, die Kluft zwischen Protestanten und Katholiken zu überbrücken, drückt es so aus: Eine Gemeinschaft, die nichts über Versöhnung zu sagen hat, hat nichts zu sagen. Was haben wir über Versöhnung zu sagen?

Ich möchte diesen Vortrag in folgende Überschriften gliedern:

    Die Zerstörung der Gemeinschaft

    Gemeinschaft und Werkzeuge

    Versöhnungs- und Heilungsprozesse

  • Verfehlungen bleiben nicht unbeachtet
  • Aber alles wird mit Mitgefühl getan
  • Versöhnung kann lange brauchen und schmerzhaft sein
  • Rituale spielen eine wichtige Rolle
  • Vergebung und Versöhnung

    Die Vergebung Gottes

 

Die Zerstörung der Gemeinschaft

Ein Sozialforscher, Hugh Mackey, schrieb vor ein paar Wochen in einem Melbourner Tageblatt, er glaube, daß der Sinn unseres Lebens in der Qualität unserer personalen Beziehungen begründet liegt und nirgendwo sonst. Wir sind alle Teil der selben Menschheit. Wir lernen die wertvollsten Lektionen voneinander. Allgemein, denke ich, würde Benedikt der selben Meinung sein, so daß wir und er zu einem Glauben beitragen , zur göttlichen Dimension. Wenn also Beziehungen so wichtig sind, müssen wir anschauen, was die Qualität unserer Beziehungen zerstört und was wir dagegen tun können.

Ich dachte, ich beginne damit, einige Anmerkungen zu diesen Punkten in Kapitel 4 zu machen.

Zorn: Abgesehen von dem Text aus dem Brief an die Epheser gibt es da natürlich auch noch das Evangelium, was uns darin belehrt, etwas gegen den Zorn zu tun. Der Text der Bergpredigt in Matthäus 5, 22 macht dies sehr deutlich. Nicht nur wer tötet, sagt Matthäus, wird dem Gericht verfallen sein, sondern jeder, der seinem Bruder oder seiner Schwester zürnt, wird dem Gericht verfallen sein. Wer aber seinen Bruder oder seine Schwester beleidigt und sagt: Du Narr!, der wird der Hölle des Feuers verfallen sein .Und dann folgt der uns allen bekannte Text:“ Wenn du nun deine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar und geh zuvor hin, versöhne dich mit deinem Bruder; und dann komm und bring deine Gabe dar.“( Mt 5,24)

Wie ich schon zuvor bemerkte, ist nicht der Zorn selbst das Problem , sondern sein Ausdruck in Form von aggressiven Verhalten. Unsere Aktionen sind durch die Vernunft genauso zu gestalten wie durch das Gefühl. Holzherr macht eine interessante Entdeckung: diesem Instrument folgt der Satz :“ Der Liebe zu Christus nichts vorziehen.“(RB 4,21) Die Liebe Christi soll uns und unsere Lebensführung formen. Liebende Christi haben keinen Raum für Bosheit, für den bösen „Teufelskreis“, wo Ungerechtigkeit mit Ungerechtigkeit beantwortet wird, Gewalt mit Gewalt usw.. Einzig die Liebe kann diesen Teufelkreis zerbrechen. Einer muß die Gewalt hinnehmen ohne sie zu vergelten.

Das Verlangen nach Rache ist verständlich. Dysinger übersetzt dieses Werkzeug als Aufspeichern von Wut, das nur einen Zeitpunkt abwartet, sich endlich revanchieren zu können. Hier finden wir einen Hinweis auf eine Art „schwelenden Groll“, der möglicherweise, insofern er Möglichkeiten zum Wachsen bekommt, irgendwann in Form von Aggression ausgedrückt wird.

Der arglistige und falsche Friede, beide beinhalten den Mangel an Ehrlichkeit.

Jeremia benennt es sehr gut, wenn er schreibt : „Ein tödlicher Pfeil ist ihre Zunge,  trügerisch redet ihr Mund; „Friede“, sagt man zum Nächsten, doch im Herzen plant man den Überfall.“( Jer 9,7)

Wenn Böses mit Bösem vergolten wird, spricht es für sich. Es macht die Unfähigkeit deutlich, eine Falschheit zu akzeptieren, ohne zurückzuschlagen. In so einem Verhalten findet man nichts von dem wieder, was in der Vierten Stufe der Demut beschreiben steht. Wenn ich auf die Vergebung zu sprechen komme, werde ich noch einmal darauf zurückkommen,

Holzherr bemerkt, daß Murren eine Art fehlersuchende üble Laune ist. Es ist eine heimtückische und destruktive Kraft, die in jeder Gemeinschaft zu finden ist und welcher Benedikt in der Regel mit den härtesten Bestimmungen begegnet.

Dem folgen dann nämlich, Verleumdung, Hass, Missgunst, Neid, alle destruktiven Beziehungen und schließlich die Zerstörung der Hoffnung ,die wir ineinander haben können. Streit beinhaltet menschliche Auseinandersetzung, die ungehemmt gedeihen und zur Streitsüchtigkeit heranwachsen kann, die niemals zu einem Ende findet. Aber, wie der Ärger muß dies nicht aus einem Konflikt erwachsen, sondern auch das alles ist kontrollierbar.

Weitere Fehler sind in der Regel aufgeführt, die ich jetzt aber nur wahrnehmen und nicht weiter kommentieren möchte. Das sind z.B. die am Beginn von Kapitel 23 und im Kapitel 46. Und natürlich auch in dem Kapitel über den Eigenbesitz der Mönche. Dann natürlich auch in dem Kapitel über die Unpünktlichkeit, bei dem in uns sicherlich der Schmerz über Auseinandersetzungen hochkommt. Auch Benedikt kannte dieses Problem und einige dieser Dinge und vielleicht auch andere, die heute passieren.

In einer Ansprache, die Rowan Williams im April diesen Jahre gehalten hat, verwendete er einen Ausdruck, der sehr herausfordernd und nützlich ist. Er stellte die Frage: Mit welcher Münze zahlen wir es uns heim ? Es lohnt sich, uns selbst und unser Gemeinschaft diese Frage einmal zu stellen. Ist es Murren, Streitsucht, einander verurteilen, einander blamieren, Geschwätz, Mangel an Vergebung...? Oder ist es die Liebe zueinander , das Streben nach Frieden, Hochherzigkeit, Akzeptanz...?

 

Die Gemeinschaft und ihre Werkzeuge

Im Prolog, in dem Benedikt das Bild von der Schule benutzt, spricht er von der Notwendigkeit, Fehler zu korrigieren und liebend vor ihnen zu bewahren. Später, in Kapitel 4, welches meinen Ausgangspunkt darstellte, spricht er hingegen von Werkzeugen und einer Werkstatt, von einem Weg, auf dem man an diesen Fehlern arbeiten kann. Die Werkzeuge an sich können natürlich einige dieser Wege sein, wie z.B. nicht zu murren und somit keinen Anlass zu Ärger zu geben u.s.w..

Aber vielleicht brauchen wir noch mehr Hilfe als in diesen einfachen Hinweisen zu finden ist.

In einem Gespräch mit Rowan Williams, den ich bereits nannte, bot er ein schönes Bild eines Werkzeugs, das er eine „Verlängerung der Hand eines Mechanikers“ nannte, das also ein Teil des Menschen ist. Man kann ebenso das Bild eines Musikers und seines Instrumentes gebrauchen: Der Cellist, Stephen Isselis ist jemand, der mich erst kürzlich wieder an dieses Bild erinnerte: er ist einfach eins mit seinem Instrument. Die Werkzeuge und Instrumente sind durch langen Gebrauch abgenutzt und geglättet. Was ich damit sagen will ist, daß es eine lange Zeit braucht, um an diesen Fällen zu arbeiten – ein ganzes Leben lang. Infolgedessen wird am Ende von Kapitel 4 auf die Notwendigkeit der Beständigkeit in der Gemeinschaft hingewiesen, während wir an diesen Dingen arbeiten. Die Werkzeuge müssen zu einem Teil von uns werden. Es hängt alles davon ab, Wege zu schaffen, die es uns ermöglichen, beständig miteinander zu leben, sowie sich darüber klar zu werden, daß es oft einer täglichen „Reparatur“ bedarf. Das ist der Grund, warum es so real und keine Magie oder gar eine schnelle Lösung ist.

Ich möchte nun versuchen, die Frage zu betrachten, wie wir diese Werkzeuge unser ganzes Leben lang nutzen können.

Versöhnungs- und Heilungsprozesse

Benedikt hat etwas dazu zu sagen, und zwar nicht nur Anweisungen, worin er einen Grund für Strafe sieht. Ich glaube, daß man mehr aus den Kapiteln 23-30 und 44-46 gewinnen kann, wenn man sie gründlich studiert. Die Kapitel, die ich den Korrektivcode nenne. Diese Kapitel werden oft als unwichtig abgestempelt und nicht beachtet, was auch verständlich ist. Doch wie meist, wenn wir in die Regel schauen, und uns mit den Prinzipien beschäftigen, die Benedikt uns vorstellt, so können wir weit mehr davon lernen. Ein weiterer Punkt ist, wenn wir die Sündhaftigkeit, die in einer Gemeinschaft auftritt, angeschaut haben, die Versöhnung in den Blick zu nehmen. Es gibt gewöhnlich keine Probleme, Fehler zu entdecken, die Teil der conditio humana sind, aber es ist nicht so leicht den Situationen Abhilfe zu schaffen, in denen diese Verfehlungen geschehen.

Ich möchte ein paar Punkte nennen, zu dem, was in diesen Kapitel darüber gesagt wird:

  • Verfehlungen bleiben nicht ungeachtet

Der erste Punkt, der klar von diesen Kapiteln ausgeht lautet, Verfehlungen nicht ungeachtet zu lassen. Es wird vor ihnen gewarnt. Zuerst wird man persönlich darauf hingewiesen, wenn man sich nicht bessert, öffentlich getadelt und als letzten Ausweg, wenn dann auch nichts geschieht, ausgeschlossen. Das bedeutet, daß die Person von der Gemeinschaft abgeschnitten wird- es ist kein Kontakt mehr erlaubt

(RB 25,2;26), je nach Fehler wird sie sogar vom Gebet und den Mahlzeiten ausgeschlossen. Dies stellt eine große Entbehrung für diejenigen dar , die die Gemeinschaft lieben. Wie auch immer, es scheint, daß Benedikt von der Strafe erwartet, daß sie eine Quelle der Bereitschaft zur Buße sei und das Verhalten korrigiere. Das Ausgeschlossensein ermöglicht es dem Menschen, sich der Wahrheit zu stellen (RB 25,3). Unangepasste Sympathie und Kontakt mit dem Ausgeschlossenen kann dieses verhindern. Bei allem geht es darum, zur Heilung beizutragen, wie es am Anfang dieser Kapitel deutlich gemacht wird- „ut sanentur“- damit sie geheilt werden. Jene, die sich nicht bessern, müssen den schweren Weg des vollkommenen Abgeschnittenwerdens, der Amputation gehen; wie das konkret aussieht, ist in Kapitel 28 beschrieben.

  • Aber alles werde mit Mitgefühl getan

Die scheinbare Härte der Bestrafung wird gemildert durch das Mitleid, das Benedikt zeigt und dies soll auch mein zweiter Punkt sein. Er spricht immer, wenn er über die Ausgeschlossenen spricht vom Bruder, nur manchmal vom Täter oder einfach vom Wankenden, Schwachen oder Kranken (RB 27,1,3,6;28,5). In Kapitel 27, einem der schönsten Kapitel, wie ich finde, zeigt er sehr großes Mitleid: Der Abt, der die Strafe verhängt hat, handelt wie ein weiser Arzt und schickt einen älteren und weisen Bruder zu dem Ausgeschlossenen, um ihn zu trösten und ihn zu bitten, Buße zu üben. Das soll ihn ermutigen, damit er nicht in tiefe Traurigkeit versinkt ( RB 27,3). Die Liebe zu ihm soll wachsen, sagt Benedikt. Das soll in großer Sorge für all die geschehen, die sich verfehlt haben. An dieser Stelle gebraucht er auch das Bild vom Hirten und betont, daß das verlorene Schaf gnädig zurückgebracht werde. Er fügt den Gedanken der Gnade dem Gleichnis vom Guten Hirten hinzu.

  • Versöhnung und Heilung kann lange brauchen und schmerzhaft sein

Der dritte Punkt, der aus diesen Kapiteln hervorgeht, ist, wie ich meine folgendes:  Benedikt versteht, daß Heilung und Versöhnung langsam vorangehen. Die Vorsorge, die Benedikt trifft, beinhaltet die Zeit zum Nachdenken, die Zurückgezogenheit und die „Re-agression“, die sich stufenweise vollzieht. Die Heilung kann nicht nur lange dauern, sondern es kann auch sehr schmerzlich sein, wenn jemand die Erfahrung der Selbsterkenntnis macht. Doch diese Erfahrung ist nötig, um fähig zu werden, Fehler einzusehen, um zu der Erkenntnis zu gelangen, daß eine Umkehr nötig ist und schließlich dazu, alles Nötige anzunehmen. Hier handelt es sich dann um wahre Demut, die um ihre eigene Schwäche weiß und sich bewusst ist, daß wir in diesem Punkt allein von Gott abhängig sind.

Vor einiger  Zeit  hörte ich einmal eine Radiosendung, die ein Interview mit einem tasmanischen Bildhauer ausstrahlte, der einen Versöhnungsgarten gestaltet hatte. Er beschrieb den gewaltigen Felsen, der das Hauptmerkmal dieses Gartens ist. Er hat ihn in der Mitte zerspalten. Er meinte, der Felsen sage aus, daß die Welt einem erst das Herz brechen müsse, ehe man vergeben könne und wahrhaft Versöhnung erfahre.

  • Rituale spielen eine wichtige Rolle

Eine andere Sache, die Benedikt hinsichtlich des Heilungsprozesses verstanden hat, ist , daß Heilung ein wesentlicher Ort für Rituale ist. Er hat dieses bereits erwähnt, wenn er im Kapitel 13 darauf hinweist, daß das Vater Unser am Ende der Laudes und der Vesper ganz vorgetragen werden soll, „da es immer wieder Ärgernisse gibt, die wie Dornen verletzen.“ (RB 13,12)

Ebenso beschreibt er gegen Ende der Regel ein wichtiges Ritual: „Wenn aber ein Bruder vom Abt oder von einem der Oberen aus einem noch so geringfügigen Grund irgendwie zurechtgewiesen wird, oder wenn er merkt, daß ein Älterer innerlich gegen ihn erzürnt oder ein wenig erregt ist, dann werfe er sich unverzüglich zu Boden und liege zur Buße so lange zu seinen Füßen, bis die Erregung durch den Segen zur Ruhe kommt.“ In unserem Kontext, in dem wir über Vergebung nach Verfehlungen sprechen, ist das wichtigste Ritual die Wiedereingliederung der Ausgeschlossenen, wie es in Kapitel 44 beschrieben steht. Ich will dieses als Beispiel nutzen.

Das Kapitel beschreibt den Bruder, der dadurch wieder in die Gemeinschaft eingegliedert wird, daß er sich, während seine Brüder das Oratorium verlassen, mit dem Gesicht nach unten, zu den Füßen aller zu Boden wirft. Wenn der Abt es dann von ihm verlangt, wirft der Mönch sich dem Abt und den Brüder zu Füßen, damit sie für ihn beten. Dann wird er wieder in die Gemeinschaft aufgenommen, jedoch nicht unbedingt an den Platz, den er vor seinem Ausschluss inne hatte. Er darf keinen Psalm und keine Lesung vortragen und am Ende jeder Gebetszeit soll er sich an seinem Platz zu Boden werfen. Schließlich, wenn er Buße geleistet hat, ist es ihm möglich, seinen Platz in der Gemeinschaft wieder einzunehmen.

Natürlich würden wir es nicht so handhaben. Wenn wir mit der Beschreibung solcher Rituale konfrontiert werden, besteht die Gefahr, daß wir sie vollständig ablehnen. Aber ich denke, wir sollten uns fragen, welche Rituale wir haben?
Welche Rituale haben wir, wenn sich jemand von der Gemeinschaft entfernt?

Welche Rituale haben wir für Heilung, Vergebung und Versöhnung?

Vergebung und Versöhnung

Dies ist kein Versuch die Probleme zu lösen, die durch die Sünde in unseren Gemeinschaften entstehen, sondern die Frage lautet, wie wir mit Vergebung und Versöhnung umgehen. Benedikts Lehre über den Prozess, den wir eben besprochen haben, ist wichtig, aber vielleicht lässt sich noch mehr darüber sagen.

Lassen Sie uns erst auf die Frage der Vergebung schauen. Ich glaube nicht , daß Versöhnung ohne Vergebung geschehen kann. Das ist biblische Lehre. „Wie oft muß ich vergeben“, fragte Petrus, „sieben Mal?“ „Ich sage dir“, antwortete ihm Jesus,

„nicht sieben Mal sondern siebenundsiebzig Mal.“(Mt 18,22) Und das bedeutet immer und immer wieder.

Vergeben heißt, den Hass zu lassen, es abzulehnen Rache, zu üben und hinauszugehen über das, was erwartet wird.

Es gibt dazu ein gutes Beispiel in dem Artikel von Sheila Cassidy, den sie vor einiger Zeit in London Tablet geschrieben hat. Nach sehr schwierigen Lebensumständen und  einen schmerzhaften Heilungsprozess, kam sie dahin, sagen zu können: wie viel wir auch an Schaden erlitten haben mögen und wie auch immer wir unseren Hass begründen - wenn wir ihn pflegen, werden wir uns vergiften. Unsere Herzen werden dann verbittern, unsere Visionen verdunkeln sich und unsere Liebe wird dahinwelken. Hass ist teuflisch und muß rausgeworfen werden und wir müssen beten um die Kraft, Vergebung zu lernen. Ob wir heil werden hängt davon ab, wie wir unseren Feinden vergeben. Ein ehemaliger australischer Politiker, Tom Uren, schrieb dazu vor kurzem aus einer nicht- christlichen Perspektive: Hass ist immer schlimm. Er verdreht die Persönlichkeit und lässt die Seele vernarben. Dabei verletzt er den Hasser mehr als den Gehassten.

Und zurück zu Evagrius, der es mehr grafisch ausdrückt: Groll verhärtet die Seele mehr und mehr, er fesselt die Gedanken während des Gebetes und lässt einen mehr und mehr zum Angreifer werden. Eine Zeit lang bleibt er in der Seele und wird zur Feindschaft, er verursacht Alpträume: physische Torturen, Todesschrecken und Attacken von giftigen Schlangen und Bestien. Cassian spricht im Bezug auf den Groll von tödlichem Gift, der schlimmsten Erkrankung der Seele.

Wir könnten viele Beispiele finden, wo der Hass eingebunden ist in den Prozess von Vergebung. Denken sie an den Fall von Kardinal Bernadine und seinem Ankläger. Denken sie an den Trappistenmönch in Algerien, Frère Christian, der seinen Mörder in seinem letzten Moment einen Freund nannte und ihn Gott empfahl, dessen Gesicht er in dem des Mörders erkannt hatte.

Als ich kürzlich noch einmal die Geschichte von Joseph in Gen 42-47 las, bemerkte ich die wunderbare Bemerkung, die Joseph machte, als er seinem Bruder erzählte wer er war:“ Kommt doch näher zu mir her! Als sie näher herangetreten waren, sagte er: Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt. Jetzt aber lasst es euch nicht mehr leid sein und grämt euch nicht, weil ihr mich hierher verkauft habt. Denn um Leben zu erhalten, hat mich Gott vor euch hergeschickt.“(Gen 45, 4-5) Hier finden wir tiefe Vergebung. Er hat sich Gedanken gemacht, was dieses tragische Geschehen für ihn zu bedeuten hat, ein Geschehen, das besser nicht passiert wäre und großen Hass erzeugte, der der Versöhnung bedurfte. Es ist nicht schwer, solche Beispiele zu betrachten, doch es ist schwer, sie ins eigene Leben umzusetzen.

Johannes Chrysostomus machte es an einem anderen Punkt deutlich. Er sagt: Zwei Dinge sind  für uns hier und jetzt erforderlich: unsere Sünden anzuerkennen und den anderen zu verzeihen; das erste ist zu tun, damit der zweite Schritt leichter wird. Wenn wir also unserer eigenes Verhalten und seine Mängel wahrnehmen, werden wir fähiger, werden anderen zu vergeben. Indem wir um unsere eigene Sündhaftigkeit wissen, wird es für uns leichter, anderen zu vergeben.

Eine Schriftstellerin und Psychologin aus Neuseeland, Stephanie Dowrick, hat ein Buch mit dem Titel: Vergebung und andere Taten der Liebe geschrieben. Dieser Titel lässt tief blicken: er besagt, daß Vergebung eine Liebestat ist und daß die Ursache allen Übels ist, daß wir vielleicht nicht genug Liebe haben.

Wenn wir fähig sind zu vergeben, können wir zur Versöhnung gelangen. Diese Worte setzen voraus, daß wir die Einheit wiedererlangen wollen und nach der Ganzheit suchen.

Benedikt ist in dem Versöhnungsprozess sehr streng mit der Rolle des Abtes. Ich dachte, es sei wichtig in diesem Zusammenhang drei Dinge anzuschauen, die ich nun noch nennen möchte, da sie letztlich auf uns alle zutreffen. Es handelt sich dabei um: Mitleid, Dienst und Verantwortlichkeit. Jede Anstrengung hin zu Vergebung und Versöhnung wird Mitleid in sich tragen. Der Kampf, diese Haltung des Mitleids zu bewahren in der Anstrengung, Versöhnung zu erwirken, verlangt Dienstbereitschaft, sowohl für das Wohl der Person wie für das der Gemeinschaft. Dann ist da  noch die Tatsache, daß der Abt für das Wohl der ihm Anvertrauten verantwortlich ist. Ich denke, daß diese drei Dinge Teil unserer wechselseitigen Liebe füreinander sind. Vielleicht hat der Abt dabei eine privilegierte Position inne, die Einfluss darauf nimmt, ob das, was in der Gemeinschaft an Formen vorherrscht,  wirklich ein Bemühen um Versöhnung, Vergebung, Nicht-Richten und Friedenschaffen beinhaltet. Ich las einen treffenden Kommentar von Thomas von Aquin zum Johannesevangelium. Er spricht vom Hirten und er sagt: Niemand kann ein guter Hirt sein, ohne daß er/sie in Liebe mit Christus verbunden ist.... Zwei Dinge sind für einen Hirten erforderlich: verantwortlich zu handeln und die Schafe zu lieben- eines ohne das andere ist nicht genug.

Die Vergebung Gottes

Ich möchte enden mit einer Erinnerung an die Vergebung Gottes. Diese Tatsache ist mir tief eingegangen als ich eine schöne Novelle von David Malouf, einem australischen Autor las: Ein Straftäter, der im Sterben lag fragte seinen Bewacher: Gibt es so etwas wie Vergebung? Und nach langem Überlegen antwortete ihm der Polizist: Wenn ich Gott wäre, würde ich vergeben, weil ich in meinem Herzen keinen Grund finde, anders zu handeln. Das trifft die Sache im Kern. Und wir müssen in diesem Fall wie Gott sein! (Conversations at Curlow Creek, S. 138)

Die beiden Werkzeuge der geistlichen Kunst, die dem, mit dem ich begonnen habe vorangehen bzw. folgen –„ Nach einem Streit noch vor Sonnenuntergang zum Frieden zurückkehren.“ (RB 4,73)- bringen wirklich alles, was wir gesagt haben auf den Punkt. Im Vers 72 des selben Kapitels steht geschrieben.“ In der Liebe Christi für die Feinde beten.“ (RB 4,72). Noch einmal macht Benedikt deutlich, daß dies alles nur möglich ist, wenn Christus die Mitte ist. Benedikt ändert den Text über den Meister, um Christus einzubeziehen und zu zeigen, daß er allein das Innerste von allem ist- in unserem Fall das Innerste der Kraft zur Vergebung. Man muß für seine Feinde beten und dabei den Blick auf Christus und seine Liebe gerichtet halten. Er beendet die Liste der Werkzeuge voller Hoffnung und trotz aller Schwierigkeiten, die es gibt. „Und an Gottes Barmherzigkeit niemals verzweifeln.“ (RB 4,74) Dieser Satz ist einer der schönsten Sätze der Regel: Et Dei misericordia numquam desperare.

All das Gesagte macht unser Gemeinschaftsleben möglich und unterscheidet es von den Wegen, die sonst in der Welt üblich sind.

In einer Karikatur trennt ein Stacheldraht ein Blumenfeld von einem anderen. Stacheldraht ist so destruktiv, er verletzt Hände und Gesichter, er zerstört Kleider und hält Menschen gefangen. Ich denke, daß uns Versöhnung nur gelingt, wenn wir unser ganzes Leben lang diese Werkzeuge gebrauchen, die Werkzeuge, die ein Teil von uns geworden sind, um zu versuchen diese Trennung abzubauen. Es mag sein, daß wir eines Tages, wenn nicht hier dann im Himmel, ein Feld haben werden, das nicht mehr durch Stacheldraht getrennt wird. Das ist das, wohin uns unsere Suche nach Frieden und unsere Jagd nach ihm führen können.