Referat 2

1000 – JAHR-JUBILÄUM IN Stift St. Georgen am Längsee

Die Rolle der Frau in der benediktinischen Tradition
und die gegenwärtigen Bemühungen um einen weltweiten Zusammenschluss der benediktinischen Frauengemeinschaften.

von M. Maíre Hickey OSB, Dinklage

 

Sehr verehrter Herr Abtpräses Clemens, verehrte Herren Äbte!

Ich freue mich, heute mit Ihnen hier zu sein, um der Gründung des Klosters zu St. Georgen am Längsee vor 1000 Jahren zu gedenken. Ich gehöre zu einer der jüngsten Gründungen der Benediktinerinnen auf deutschem Boden, und ich empfinde es als ein Privileg, bei diesem Anlass den Bogen der Geschichte 1000 Jahre zurück zu spannen hin zur Gründung des ersten Benediktinerinnenklosters hier in Kärnten. Diese Brücken von Gegenwart zur Vergangenheit sind heute sehr wichtig. In einer Welt, die sich kontinuierlich in einem rasenden Tempo verändert, erinnern sie uns daran, woher wir kommen - an den Fels, aus dem wir gehauen sind.  Auch helfen sie, die Ausrichtung auf das letzte Ziel unseres Lebens nach der Regel des hl. Benedikt im Auge zu behalten.   

Wenn man vor 50 Jahren auf Tausend Jahre Benediktinerinnengeschichte zurückschaute, lieferte die Literatur ein erbauliches Bild, gut geeignet, Frauen zu bestätigen, die fromm und demütig in ihrer Klausur zurückgezogen leben wollten. Das Vorwort, das P. Stephanus Hilpisch von Maria Laach im Jahre 1950 zu seiner schmalen 123-seitigen Geschichte der Benediktinerinnen schrieb, ist inzwischen zu einem geschwisterlichen Witz geworden unter den „Frauenrechtlerinnen“ in unserer Klöstern.   Die Benediktinerinnen, so schrieb P. Hilpisch, haben die benediktinische Geschichte nicht gestaltet.  Das sei nicht Aufgabe der Frau.  Dafür aber haben sie das Ideal des monastischen Lebens in noch größerer Reinheit und Unbedingtheit gelebt wie die Mönche.  Das sei der große Beitrag, den sie zur benediktinischen Geschichte geliefert haben.

Liebe Brüder, wie geht es Ihnen als Patres, wenn Sie auf das Wort „paternalistisch“  in Büchern, Vorträgen, Artikeln über unsere Kirche stoßen? Ich mag dieses Wort nicht, weil es oft pauschal als Keule verwendet wird, um die Männer unserer Kirche mit ihren uralten Strukturen zu prügeln für Dinge, an die sie meistens nicht schuldig sind.  Mir fällt aber kein anderes Wort ein, um das Diktum von Pater Hilpisch über die Benediktinerinnen zu kennzeichnen:  der angesehene Pater, gestärkt durch die Macht seiner Autorität als Priester und Kirchenhistoriker, verurteilt im wohlwollenden Ton die Benediktinerinnen zur Bedeutungslosigkeit in der Gestaltung der Geschichte ihres Ordens. Im nächsten Satz schenkt er ihnen ein Bonbon als Belohnung dafür, dass sie so brav und fromm sind, ja, sogar noch braver als die Brüder, die sich vielleicht bei der Gestaltung der Geschichte unseres Ordens mal das eine oder das andere Kavaliersdelikt geleistet haben mögen.  

Da fühlen sich die Benediktinerinnen in ihrer Geschichte in  unserem Orden nicht gerade ernst genommen!. Aber die Geschichtsschreibung ist anders geworden, Pater Hilpisch ruht längst in Frieden und tut uns kein Weh mehr. Viel interessanter als seine Beurteilung sind die Forschungen, die in den letzten 20 Jahren uns ein immer lebendiger werdendes Bild bieten vom Leben in den mittelalterlichen Frauenklöstern in unserem Sprachraum - wie auch hier in St. Georgen -, wo großartige Frauen geschrieben, gemalt, komponiert, gelehrt, regiert haben, und den Weg zu einem hohen Niveau an christlicher Bildung und geistigem Tun für Mädchen und junge Frauen gebahnt haben.   Tagungen, Vorträge, Dissertationen, wissenschaftliche und populäre Veröffentlichungen über Hildegard von Bingen und Gertrud von Helfta laufen uns ständig über den Weg.  Und darüber hinaus gibt es die vielen speziellen Studien: vor ein paar Tagen kündigte eine Broschüre in der Post eine große Ausstellung an über „Kunst aus mittelalterlichen Frauenklöstern“. Diese Ausstellung will, so heißt es, das in der patriarchalisch geprägten Wissenschaftstradition bislang herrschende Fehlurteil korrigieren, dass den Frauen die Anfertigung hochwertiger Texte, Bücher, Geräte oder Bilder nicht zuzutrauen war. Kurz davor war ein neues Buch gekommen über „Bildnisse schreibender Frauen im Mittelalter 9. bis Anfang 13. Jahrhundert“ – die erste umfassende Studie über Bilder von Frauen, die an der Herstellung illuminierter Bücher beteiligt waren von der literarischen Komposition bis zur Dedikation.  In den Beiträgen zum Symposium, das anlässlich des Jubiläums im Mai hier stattfand, wird auch das Klosterleben in St. Georgen und in Kärnten mit in diese Forschungsaktivität einbezogen.

II

Entwicklungsgeschichte der C.I.B.

Sie haben mich aber eingeladen, lieber Abt Clemens, nicht um über solche Forschungen zu berichten, sondern über ein anderes Thema, nämlich über den Status der Benediktinerinnen heute am Beginn des 21. Jahrhunderts in der Confoederatio Benedictina.   Da ist wohl einiges zu erzählen.  Der Anfang der Geschichte liegt in den 70er Jahren. Wir nähern uns z.Zt. einem vorläufigen Ziel, das im nächsten Jahr im Äbtekongress – so Gott will - erreicht werden könnte. Danach könnte ein neues Stadium in unserer Geschichte beginnen.  

Die Confoederatio Benedictina ist, wie Sie wissen, über 100 Jahre alt. Als das Konzilsdekret Perfectae Caritatis über die zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens verkündet wurde (28.10.1965), war die Confoederatio etwa 70 Jahre alt war. Als in den Jahren danach der Orden sich mit dem vom Konzil angeregten Prozess der Auswertung und der Erneuerung des Ordenslebens befasste, konnte mit Dankbarkeit erkannt werden, wie sich die Confoederatio und das Kolleg San Anselmo als effektive Instrumente zur Förderung des benediktinischen Mönchtums und dessen Sendung in der Kirche in der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts entwickelt und bewährt hatten.  

Für die benediktinische Frauengemeinschaften traf dieses Fazit nicht zu.   In den 70er Jahren wurde es einigen Benediktinerinnen, die sich mit dem gleichen Erneuerungsprozess befassten, klar, dass ihre Klöster, Kongregationen und Föderationen – auch wenn sie mit der Confoederatio verbunden waren – wenig Anteil hatten an den Vorteilen, die die  Männerklöster durch ihre ordentliche Mitgliedschaft in der Confoederatio geniessen durften. Wir Benediktinerinnen hatten nur sehr begrenzte Möglichkeiten zu Kontakt unter einander. Viele Frauenabteien und Priorate lebten in strenger Klausur, gehörten keiner Kongregation und keiner Federation an und waren fast völlig isoliert vom Rest der benediktinischen Welt. Wir hatten damals keinen Zugang zu den akademischen, sozialen und kulturellen Ressourcen, die San Anselmo anbietet.  Ordentliche Mitglieder der Confoederatio waren die 24 Männerkongregationen. Wir waren nur „assoziiert“ oder „aggregiert“, und wurden dementsprechend nicht eingeladen, um alle 4 Jahre zusammen mit den Äbten am  Äbtekongress teilzunehmen und den Abtprimas zu wählen.  Bei vielen Benediktinerinnen wuchs ein Bewusstsein, dass wir auch ganz eigene Fragen haben, Fragen, die Frauen der Kirche in unserer Zeit tief bewegen. Vielen brannte es unter den Nägeln, zusammen mit anderen zu reflektieren und zu diskutieren, wie wir in der neuen Ära, die mit dem zweiten Vatikanum begonnen hatte, unsere Identität als Benediktinerinnen klären und zeitgemäß gestalten könnten. Wir hatten aber kein Forum vergleichbar mit dem Äbtekongress, wo wir zusammenkommen könnten.  Und es gab keine Strukturen, die uns den Rahmen gegeben hätten, in dem wir eine Änderung dieser Ordnung anstreben könnten.    

Angefangen in den 70er Jahren bildete sich eine Kerngruppe von Äbtissinnen, Priorinnen und Generalpriorinnen und machte sich auf den Weg mit einer neuen Vision.  Das war noch in der Zeit, als Rembert Weakland Abtprimas war.  Er lud eine kleine Gruppe von Nonnen und  Schwestern nach Rom, um mit ihnen die Entwürfe für den Teil des neuen Kirchenrechts, der sie betraf, zu besprechen.   Angeregt durch diese erste Begegnung   sprachen die Nonnen und Schwestern den Wunsch aus, weiter in Kontakt und im Austausch miteinander zu bleiben und zu einem - noch gediegenerem - Treffen zusammenzukommen.  Nachdem dieses Treffen 1987 mit Hilfe des Abtprimas Viktor Dammertz stattgefunden hatte, haben alle seine Nachfolger - Jerome Theissen, sein Vertreter Francis Rossiter, Marcel Rooney und unser jetziger Abtprimas Notker Wolf – sich das Anliegen der Frauen zu eigen gemacht und kräftig unterstutzt. Zunehmend haben sie die Benediktinerinnen ermutigt, ein Netzwerk der Kommunikation zwischen den Frauengemeinschaften aufzubauen, das ihnen ermöglichen würde, sich aus ihrer Position der Unterlegenheit in der Confoederatio zu befreien. 

Zunächst ging es darum, Grenzen der Isolation von einander und des Unwissens über einander zu überwinden.  Bald bildete sich der Wunsch, einen Prozess in Gang zu bringen, der die Bedürfnisse und die Wünsche der Frauengemeinschaften klären würde. Wünschten wir und wollten wir ein Instrument zur Förderung des weiblich-benediktinischen Mönchtums und dessen Sendung in der Kirche für die Zukunft, ähnlich wie die Confoederatio, aber auf die andersartige Situation der Frauengemeinschaften zugeschnitten? Wie könnte ein solches Instrument geschmiedet werden?

Laut der Lex Propria der Confoederatio Benedictina von 1985 sind die Frauengemeinschaften, die nach der Regula Benedicti leben, mit der Confoederatio CONSOZIIERT (ein neues Wort, das zum ersten Mal in der Lex Propria 1985 erscheint). Die Consociatio ist keine ordentliche Mitgliedschaft.  Sie ist ein Status, der die Echtheit der benediktinischen Lebensform bestätigt, und der die einzelnen Klöster, Kongregationen und Federationen – ohne Verbindung unter einander – in einer Art vertikalen Dimension zur Confoederatio und zum Abtprimas bindet. 

Ab 1987 – gefördert durch kleine internationale Treffen von Benediktinerinnen – fingen neue horizontale Verbindungen zwischen den consoziierten Klöstern, Kongregationen und Federationen an zu wachsen. Westeuropa, die USA und Australien/Neuseeland hatten inzwischen die Grundlage für ein Kommunikationsnetzwerk.  In der AIM und in der großen internationalen Missionskongregation von Tutzing war ein hilfreicher Überblick über die Gemeinschaften in Afrika, Lateinamerika und Asien vorhanden. So war es möglich, 18 Sprachregionen zu bilden, die je eine Vertreterin nach Rom senden sollten zum Informationsaustausch und zur Beratung über einen künftigen Weg. Später entstand eine 19. Region durch die Unterteilung von Asien. Wegen der großen Zahl der Schwestern wurde entschieden, dass USA und Kanada zusammen 3 Vertreterinnen senden sollten.  1998 wurde  eine Moderatorin gewählt. So sind es jetzt 21 Regionalvertreterinnen plus einer Vertreterin von einer grösseren internationalen Kongregation und ein Gast von A.I.M., die zusammen mit der Moderatorin zu den jährlichen Treffen der 24-köpfigen „Konferenz der Vertreterinnen der Communio Internationalis Benedictinarum (C.I.B.) zusammenkommen.  Diesen Namen Communio Internationalis Benedictinarum für die Gesamtgruppe der Klöster, Kongregationen, Federationen, die mit der Confoederatio Benedictina consoziiert sind,  hat die Konferenz auf ihrem Jahrestreffen in Nairobi im November 2001 gewählt. 

Mehrere Jahre lang arbeitete die Konferenz zusammen mit ihrem kirchenrechtlichen Berater Abtpräses Richard Yeo von Downside an einem Statut.  2002 stimmte die Konferenz dem Statut zu und ließ es von Abtprimas ratifizieren.  Ziele der C.I.B. sind laut Statut, die in der Lex Propria verankerte Consociatio zwischen den Frauengemeinschaften unter einander und zu der Confoederatio und dem Abtprimas weiter zu entwickeln and zu fördern; den Meinungs- und Erfahrungsaustausch zwischen Benediktinerinnen auf internationaler Ebene zu unterstützen, und die Entwicklung des monastischen Lebens für Frauen zu fördern. Ein Administrativrat, der z.Zt. aus 4 gewählten Mitgliedern einschl. der Moderatorin besteht, wird bei der Planung und der Koordination der Aktivitäten der Konferenz durch eine Sekretärin und eine Schatzmeisterin untersützt.   

Der Entwicklungsprozess wurde durch internationale Symposien, die 1993, 1998, 2002 veranstaltet wurden, ein Colloquium im Jubiläumsjahr 2000 und die jährlichen Konferenzen der Vertreterionnen gefördert.

Zunächst fanden die jährlichen Treffen der Konferenz in Rom statt. 1998 wurde entschieden, sich abwechselnd in Rom und ausserhalb Roms zu treffen, um dem gegenseitigen Kennenlernen eine breitere geographische und kulturelle Basis zu geben. 1999 fand das Treffen der Konferenz in St. Louis, Missouri statt, 2001 in Nairobi, 2003 in Sydney.  Ein großer Gewinn dieser Auslandstreffen ist es, dass innerhalb weniger Tage den Benediktinerinnen einer ganzen Region die Idee der C.I.B. sehr konkret nahe gebracht werden kann.   Das Bewußtsein erwacht, dass man als Benediktinerin Mitglied einer großen, weltweiten Familie innerhalb der Kirche ist.  Sehr bereichernd war es jedes Mal, wie alle Beteiligten, die Gastgeberinnen sowohl wie auch die Konferenzmitglieder hautnah erlebten, dass das benediktinische Mönchtum für Frauen viele verschiedene Gesichter hat.  Da gehen für uns alle neue Horizonte auf, die uns aus bestimmten Engführungen herauslocken und uns auf die geistliche Weite und das Reichtum unserer Tradition und unserer Berufung hinweisen, wie auch auf die geistlichen Nöte der Kirche und der Welt in unserer Zeit.   

Auf der Tagesordnung der Konferenz in Sydney vor wenigen Wochen stand ein Punkt, der einen wichtigen Schritt in der Geschichte der C.I.B. bedeutet. Wir werden nämlich auf dem Äbtekongreß im nächsten Jahr 2004 einen Antrag stellen, dass der Name der C.I.B. als Verband der consoziierten Frauengemeinschaften in das Jus Proprium der Confoederatio aufgenommen wird. 

Ein weiterer Meilenstein steht seit Kurzem in Aussicht.  Bis jetzt war das Sekretariat der Konferenz gerade dort, wo die Sekretärin sich befand.  Einen festen Wohnsitz für sie gab es noch nicht.  Inzwischen ist die Organisation so gewachsen einen Raum brauchen, der als ständiges Sekretariat dienen kann.  Im vergangenen Sommer konnte Abtprimas in Folge geplanter Umbaumaßnahmen in San Anselmo uns Aussicht geben auf ein Büro im Haus ab 2004 oder 2005.  

Als wir 1987 zaghaft fragten, ob wir unser erstes Symposium in San Anselmo halten dürften, hieß es dass die Mönche sich nie und nimmer eine solche weibliche Invasion zumuten würden. Innerhalb weniger Jahren änderte sich die Gesinnung diskret und würdig und ohne Kampf. Schritt für Schritt wurden uns die Türen gastfreundlich geschwisterlich aufgemacht.  Abtprimas Jerome Theisen sah keinen Grund, warum das Symposium 1993 nicht in San Anselmo stattfinden sollte. Er sorgte dafür, dass seit 1996 alle 24 Mitglieder der Konferenz zum Äbtekongress eingeladen wurden.  Als Abtprimas Notker uns beim dem Symposium 2002 begrüßte,  sagte er, „Ich sage nicht Herzlich Willkommen in unserem Haus, denn es ist auch Ihr Haus.“  San Anselmo bleibt die Abtei der Confoederatio und als solche ein Männerkloster.   Das Image einer „klerikalen Bastion“ weicht aber ein wenig dem eines Zentrums für den gesamten Orden.  Es wird mehr zu einem monastischen Haus gleich dem, in dem Benedikt und Scholastika sich einmal im Jahr zu treffen pflegten, um etwas Zeit gemeinsam im Lob Gottes und im geistlichen Gespräch zu verbringen.  Mit dem C.I.B. Sekretariat in San Anselmo tritt wieder der Geist hoffnungsspendend durch eine vermeintlich verschlossene Tür hinein. 

Durch die wachsende Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen den Brüdern und den Schwestern ändert sich etwas in einer diffusen Abhängigkeit, die früher zwischen manchen Frauengemeinschaften und der Confoederatio existierte.  In der C.I.B. behält jedes Kloster  seinen Charakter, seine Autonomie, seine kanonische Struktur und das Beziehungsnetzwerk innerhalb der benediktinischen Familie, das sie schon hatte. Dennoch sind die Nonnen und Schwestern dabei, gemeinsam eine Verantwortung für die eigene Zukunft in die Hand zu nehmen.  Es soll ein Weg sein, der ihnen ermöglicht, aus eigener Seele und mit einer eigenen Organisation einen neuen Beitrag zur Entwicklung der Rolle der Frau im Orden und in der Kirche zu leisten.

Ein großer Teil des Einsatzes über die vergangenen 16 Jahren hat sich auf den Aufbau des Netzwerkes und der Kommunikationsstrukturen bezogen.  Dies wird natürlich nicht auf die Dauer im Mittelpunkt stehen.  Wir arbeiten nicht, nur um eine Organisation zu haben.  Die Arbeit der vergangnen Jahre wollte Voraussetzungen dafür  schaffen, dass wir die im Statut erwähnten Zielen verfolgen könnten – die weitere Entwicklung der Consociatio, gegenseitige Unterstützung, und die Förderung des weiblichen, benediktinischen Mönchtums überall auf der Welt. Diese Ziele rücken von Jahr zu Jahr mehr in den Vordergrund.

 

III

Was wird für die C.I.B. anstehen,
wenn das Ziel für 2004 erreicht worden ist?

Unsere Ziele für die Jahre nach 2004 haben wir in der Konferenz noch nicht gesetzt.  Was ich jetzt sage, hat keinen verbindlichen Charakter.  Es sind aber Dinge, die in der Luft liegen, und die mit Sicherheit bald konkret auf die Tagesordnung kommen werden. 

  • Die Entscheidung ist schon getroffen, in nächster Zeit einen zivilrechtlichen Status für die Konferenz der C.I.B. zu suchen. In welchem Land und mit welcher Satzung ist noch nicht entschieden.
  • „Formation“, Bildung, Fortbildung für Benediktinerinnen sehen wir als einen Schlüssel zur Verwirklichung unserer Ziele. Wir möchten eine Stiftung gründen, die auf die Dauer durch Stipendien und Förderung von Projekten das Bildungsniveau auf Weltebene erhöhen kann. Mangels Geld ist die Verwirklichung dieses Anliegens noch nicht konkret, aber es ist ein wichtiges langfristiges Ziel
  • Wir werden in den nächsten Jahren dafür hinarbeiten, dass der Sinn der C.I.B. weit und breit durch alle Frauengemeinschaften des Ordens bekannt und rezipiert wird.  Das ist längst noch nicht so, wie es sein könnte.  Die 19 Regionen decken die ganze Fläche des Erdkreises, und jede Region hat eine Vertretung in der Konferenz. Sie soll zur Bewusstseinsbildung Informationen in ihrer Region weitergeben.  In den Regionen aber sind die Kommunikationsnetzwerke sehr unterschiedlich. 1987 z.B. hatten die Amerikanischen Benediktinerinnen – ca. 1500 an der Zahl – ein hervorragendes Kommunikationsnetzwerk untereinander. Fast alle Gemeinschaften gehörten einer Foederation an, die Konferenzvertreterinnen konnten sehr schnell C.I.B.- Informationen an die Federationspräsidentinnen weiterleiten, und rasch waren sie in Newsletters und Mitteilungen der Priorate überall in America zu lesen.  Ein reges Interesse und Engagement ist schnell gewachsen.  Die Situation in Australien ist ähnlich. 
  • Anders war es in anderen Regionen. Das „französischsprachige Afrika“ ist ein gutes Beispiel.  Die Äbtissinnen/Priorinnen der Klöster von Ruanda, Congo, Burkina Faso, Togo, Madagascar, Elfenbeinküste waren keineswegs daran gewöhnt, sich miteinander auszutauschen.  Ihre Hauptkontakte gingen verständlicherweise zu den jeweiligen Gründungsklöstern in Frankreich und Belgien hin. Diese Kontakte bleiben wichtig, aber es ist nicht leicht, die regionalen Kontakte zwischen den Klöstern aufzubauen.
  • Die ständig neuaufbrechenden Kriege und Bürgerkriege erschweren die Lage.  Es wird Arbeit kosten, bis der Sinn einer C.I.B. in jedem Haus und für jede Schwester verständlich und naheliegend ist.
  • Auf die Dauer werden wir unsere Strukturen weiter entwickeln wollen, um etwas mehr an effektiver Hilfe in Form von Austausch und schwesterlicher Beratung geben zu können. Jetzt schon wenden sich manchmal einzelne Klöster, die eine schwerwiegende Frage oder ein Problem haben, an die Konferenz der C.I.B.  Im Moment sind unsere Möglichkeiten zu helfen sehr begrenzt.  Die gerade genannten Klöster in Ostafrika z.B. sind fast alle auf vielerlei Weise bedrängt und suchen Möglichkeiten,  sich trotz der Entfernungen und geographischen Isolation einander zu stutzen und zu ermutigen. Eines Tages müsste die Konferenz der C.I.B. so sein, dass ein Besuch in der Gegend möglich wäre, damit die Solidarität ein konkretes Gesicht bekommt. Ich könnte eine Reihe solcher Beispiele nennen.  Da stehen Klärungen und Entwicklungen an.  
  • Bei der Zusammenfügung der Gemeinschaften in der C.I.B. ist deutlich geworden, welche Vielfalt von kanonischen Formen unter uns vorhanden sind. Bei den Männerklöstern ist es so, dass abgesehen von ein paar Klöstern extra Congregationes   alle Klöster und alle Kongregationen die gleiche rechtliche Form teilen.  Unter den Frauen gibt es im Gegensatz dazu eine Wüste von verschiedenen rechtlichen Formen.  Es gibt viele Klöster extra Congregationes, die auch wenn päpstlichen Rechtes unter der Jurisdiction eines Bischofs stehen. Manchmal spielt ein Bischof eine größere Rolle bei der Gestaltung des Lebens der Schwestern in wichtigen Sachen als wirklich hilfreich ist. Es gibt eine Anzahl von Federationen mit unterschiedlichen Konstitutionen.  Drei (unterschiedliche) Kongregationen von Nonnen (Moniales) gibt es, alle sehr verschieden voneinander. Nicht wenige Frauenabteien gehören einer männlichen Kongregation an mit jeweils unterschiedlichen Formen der Zugehörigkeit.  Die Lage  wird noch mehr dadurch verkompliziert, dass das Kirchenrecht bei den Benediktinerinnen – bei den Mönchen gibt es nichts dergleichen – einen Unterschied macht zwischen den Moniales, die „in der Klausur“ leben und den Sorores (Schwestern), die als monastische Gemeinschaften auch apostolisch tätig sind. 
  • Die vielen benediktinischen  Sorores, deren rechtliche Verfassungen denen der apostolischen Schwestern der Gesamtkirche ähneln, haben seit dem zweiten Vatikanum versucht, ihrer Form mehr benediktinische Prägung zu geben, was eine weitere Vielfalt von Rechtsformen mit sich bringt.  Amerikanische Schwestern OSB z.B. haben eine ganz andere rechtliche Struktur als die Missionsbenediktinerinnen von Tutzing. Die Steinerkirchener Benediktinerinnen haben wieder eine andere, ebenfalls die Schwestern von der ewigen Anbetung in Wien (Bellemagny). Das darf nicht in sich als Nachteil angesehen werden.  Wir möchten uns aber mehr Überblick über die Vielfalt verschaffen, damit diese Vielfalt der durch die gemeinsame Spiritualität gegebenen Einheit besser dienen kann.

IV

Kontemplation nach der benediktinischen Tradition

Hinter den unterschiedlichen Rechtsformen liegen auch unterschiedliche Lebensformen, unterschiedliche Auffassungen des monastischen Lebens, unterschiedliche Auffassungen der Rolle der Frau in der Kirche, unterschiedliche Auffassungen von Kontemplation. Dieser Vortrag soll nicht nur über Strukturen und organisationale Entwicklung berichten, sondern auch über Fragen des geistlichen Lebens, dem die Strukturen dienen sollen. 

Seitdem die im 19. Jh. aus Deutschland und der Schweiz in die USA entsandten Gemeinschaften die strenge Klausur aufgeben mussten, um im Aufbau der Gemeinden mitzuarbeiten, herrscht mancherorts unter Menschen, die mit Benediktinerinnen zu tun haben, die Meinung, dass die Benediktinerinnen, die in der Klausur in Abteien leben, die „richtigen“ Benediktinerinnen sind.  Sie werden als „kontemplative Nonnen“ betrachtet und den Karmelitinnen und Klarissen zugeordnet. Die Schwestern OSB heißt es, sind sehr gut, fromm  und einsatzfreudig, aber sie sind nicht kontemplativ und deswegen nicht wirklich benediktinisch. 

Was ist das für eine Botschaft von unserem Orden an die suchenden Menschen unserer Zeit?     Kontemplation, das kontemplative Leben, kontemplatives Gebet ziehen Menschen in weiten Bereichen der Kirche an und wecken ernsthaftes Interesse auch in der säkularen Welt  (s. z.B. die große Gefolgschaft von P. Willigis Jäger, P. Franz Jalizs und manchen anderen, und auch der heftige Streit über das Wesen der christlichen Kontemplation, der vor Kurzem um alle beide herum tobte.)   Kontemplation, kontemplatives Leben können Grundbegriffe unseres Glaubens und Grundbotschaften der christlichen Spiritualität transportieren, die wir als Benediktinerinnen in einer religiös pluralistischen Welt vertreten und verkünden wollen.  Unsere unüberschaubare  rechtliche Lage führt aber zu Unklarheit darüber – auch in den eigenen Reihen - , was wir tatsächlich unter Kontemplation und kontemplativem Leben verstehen.  In der C.I.B. ist eine Grundeinheit im Wesentlichen und eine Vielfalt in den Formen so weit vorhanden, dass ein gesund christliches, weites und profundes Verständnis des Begriffs ausgearbeitet und formuliert werden könnte, zum Dienst an der christlichen Katechese, Verkündigung und Spiritualität. Dafür aber müssten wir im Austausch miteinander und in der Zusammenarbeit viel weiter sein.  

Wie umständlich der Weg ist zu einer klaren Botschaft über das, was Benediktinerinnen unter „Kontemplation“ verstehen, lässt sich an der Geschichte unseres Zusammenwachsens in der C.I.B. zeigen. Paragraph 23 des Dekrets „Perfectae Caritatis“ über die zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens (1965) fördert die vom Heiligen Stuhl errichteten Konferenzen oder Räte der Höheren Obern – „die zur besseren Verwirklichung des Zieles der einzelnen Institute, zum wirksameren Einvernehmen hinsichtlich des Wohles der Kirche, zur gerechteren Verteilung der Mitarbeiter im Evangelium in einem bestimmten Gebiet sowie zur Behandlung gemeinsamer Belange der Ordensleute sehr dienlich sein können“. Die Notwendigkeit der Kommunikation und des Austauschs auf Leitungsebene in den Orden wurden damit anerkannt, und es bildeten sich bald vielerlei regionale Konferenzen.  Der Äbtekongress der Confoederatio Benedictina stellte schon seit 1893 eine besondere Form der „Konferenz der Höheren Obern“ für die Männerkongregationen dar, die unserer monastischen Tradition entspricht.

Im Jahre 1965 aber und für 2 Jahrzehnte danach gab es immer noch keine Grundlage für eine parallele und genauso dienliche Konferenz der höheren Oberinnen für die Frauengemeinschaften.  Beinahe scheiterte unser erster Versuch zusammenzukommen, als wir Abtprimas Viktor baten, in der Kongregation der Religiosen um Erlaubnis für uns zu bitten, das Symposium 1987 in Rom  zu halten.  Die Kongregation reagierte mit dem Hinweis darauf, dass die Schwestern OSB ein Symposium halten dürften, nicht aber mit den Nonnen zusammen.  Es sei nicht gut, dass kontemplative Nonnen und apostolische Schwestern so etwas miteinander machten. Wir fanden eine kluge Lösung, die keiner weiteren Rückfrage bei der Kongregation bedurfte, und das Symposium fand doch statt, „kontemplative“ christliche Frauen und „nicht-kontemplative“ christliche Frauen zusammen, stellen Sie sich das mal vor! 

Bei den ersten Begegnungen fielen die großen Unterschiede in den Lebensformen ins Auge.  Da saßen zusammen in einem Raum und tauschten aus über monastische Themen am einen Ende der Skala Präsidentinnen von amerikanischen Benediktinerinnenföderationen – zivil bekleidete Frauen, die in amerikanischen und ausländischen Hochschulen und Universitäten Bibelwissenschaft,  Liturgie, Kommunikationswissenschaften, feministische Theologie studiert und im Berufsleben gerade als Benediktinerinnen ihre Frau standen. Am anderen Ende waren Frauen, die seit jungen Jahren in der radikalen Abgeschiedenheit eines Nonnenklosters gelebt hatten und dort in der Lectio Divina, im Studium der Väter, in den Herausforderungen des engen Gemeinschaftslebens dem kontemplativen Ideal des alten Mönchtums nachgehend offen, reif und weise geworden waren. Sie können sich kaum vorstellen, mit welchen gegenseitigen Herausforderungen solche Begegnungen verbunden waren und noch sind.  In einer solchen Zusammenkunft von Benediktinerinnen aller Richtungen ist ein großer Teil der Bandbreite der Kirchenfrauen in unserer pluralistischen Zeit vertreten.   Es bringt eine gewisse Gefahr der Polarisierung mit sich.  Aber die Bereitschaft zur Offenheit kann viele Ängste überwinden.  

Von Anfang an war die einigende Kraft der gemeinsamen Grundlage im Evangelium und in der monastischen Tradition deutlich spürbar. Oft haben wir erlebt, wie eine voll im Apostolat engagierte benediktinische Schwester sich mit Betroffenheit ihrer klausurierten Schwester annäherte und in ihrer tiefen Weisheit, Schlichtheit und Offenheit freudig eine eigene uralte Sehnsucht zurückgespiegelt fand.  Und oft haben wir erlebt, wie eine alte Äbtissin in der Offenheit, der sachlichen Kompetenz, der Warmherzigkeit, dem Engagement für das Evangelium einer ihrer neuen Freundinnen staunend erkannt hat, wie diese Art benediktinisch zu leben hilft, die Enge und die Einseitigkeit, die die klausurierte Form bedrohen kann, auf ihr wahres Ziel hin aufzulösen.  

V

Die Frauenfrage

In der Communio Internationalis Benedictinarum kommen in einem kleinen, relativ überschaubaren Raum Gegensätze zusammen, die heute den weiblichen Teil der christlichen Kirche in großer Spannung halten.  Der gesellschaftliche Prozess, den wir „Emanzipation der Frau“ nennen, entwickelt sich weiter in der ganzen Welt und in der Kirche. Auf die Gefahr hin, sehr komplexe Prozesse zu vereinfachen, möchte ich zwei Gegensätze mit Namen nennen, die in dem Prozess eine Rolle spielen. Ich meine die Gegensätze Autonomie und Hingabe.  Die Dynamik der Erziehung und der Bildung der modernen Frau überall auf der Welt ist auf Befreiung aus Abhängigkeiten heraus ausgerichtet.   Die Frauen, die in unsere Klöster eintreten, ob es Schwestern- oder Nonnenklöster sind, sind alle mehr oder weniger von dieser Dynamik erfasst worden.  Schon 1981 fasste Dorothee Soelle den fragenden Zeitgeist der Frauen zusammen: Mir scheint, dass im Kern aller feministischen Philosophie oder Theologie das Problem der Abhängigkeit liegt.  Ist es etwas Gutes, sich emotional unabhängig zu machen, oder würde dies nur zur Position des Mannes führen mit seinen oberflächlichen Bindungen – der Position des Mannes, der es nie wagen würde, die ideologische Unabhängigkeit der männlichen Helden anzugreifen? Was heißt anthropologisch „Abhängigkeit“?  Was bedeutet „Abhängigkeit“ im sozialen Leben?... Ist unsere Abhängigkeit schlicht und einfach ein einengendes Erbe aus der Vergangenheit oder ist es ein Teil der Wirklichkeit, dass wir Geschöpfe sind?“

Diese Auseinandersetzung ist noch im vollen Gange. Eine Benediktinerin bringt in die Diskussion ihre eigene Erfahrung hinein. Sie erkennt nicht nur, dass „das Problem der Abhängigkeit“ im Kern aller feministischen Theologie und Philosophie liegt.  Sie weiss auch, dass im Kern der menschlichen Geschöpflichkeit, im Herzen der Suche nach Kontemplation nichts anderes liegt als die absolute Abhängigkeit vom Schöpfer. Ob sie als Schwester oder als Nonne lebt, wenn sie die Bibel betend meditiert, wenn sie Gott im kontemplativen Gebet und in ihren Nächsten innerhalb und außerhalb der Gemeinschaft wahrhaft sucht, führt ihr Weg früh oder spät zu diesem Ergebnis.  Ihr Leben ist ausgespannt zwischen der kontemplativen Suche einerseits und andererseits dem Streben nach Befreiung aus jeder menschlichen Abhängigkeit, die sie an der kontemplativen Suche hindern könnte. Unsere Regel gibt aber ein Drittes vor: die Suche nach der absoluten Abhängigkeit von Gott in der Kontemplation spielt sich nicht im Theoretischen, im rein privat Geistigen ab, auch nicht im Zwiegespräch zwischen einer Schwester und einem geistlichen Begleiter oder Begleiterin.  Die Erfahrung von Geschöpflichkeit, in die die christliche Kontemplation führt, verlangt eine Inkarnation in der Annahme gewisser konkreten Abhängigkeiten im Alltag, angefangen mit der Bindung in einer konkreten Gemeinschaft bis hin zur Annahme der letzten Wegstrecke zum Tod hin. 

Ich erlaube mir hier eine Verallgemeinerung, die ich nicht verabsolutieren will, die ich aber sehr oft bestätigt erlebe:  Die Frau ist auf liebende Hingabe angelegt, der Mann eher auf Macht.  Der Franziskanerpater Richard Rohr tut unserer alten Sprache der Mystik und der Philosophie keine Gewalt an, wenn er im Bezug auf den geistlichen Reifungsweg die Worte „Aufstieg“ und „Abstieg“ verwendet. Der Mann wird in unserer Kultur, so P. Rohr, im Normalfall zum Aufstieg erzogen – zur Leistung, zum Erfolg, zur Karriere, zur Konkurrenz, zur Macht. Er wird an den „Abstieg“ vorbeigeführt, der für seine geistliche Reifung unabdingbar ist. Er müsste einwilligen, in die Ohnmacht herabzusteigen, wenn er nicht in einer Sackgasse landen will. Die Frau, sagt P. Rohr, hat von der Natur und von der uralten Prägung unserer Kultur her eine gewisse Skepsis gegenüber der Macht. Auch wenn sie sie teilweise anstrebt, weiß sie im Tiefsten um ihre Angewiesenheit und ihre Abhängigkeit von Gott.  Sie kann eher die Illusion der Macht durchschauen.  Ein spiritueller Irrweg in der Bewegung zur Emanzipation der Frau sei es, wenn sie das männliche Spiel des Aufstiegs mitzuspielen versucht. Wenn dies stimmt, wäre der Weg zur Hingabe in der Abhängigkeit vom Schöpfer zugänglich für sie. 

Für die Frau von heute auf dem kontemplativen Weg gilt es, unterscheiden zu lernen zwischen den Abhängigkeiten im konkreten Leben, die als Einübungen in die Annahme der existenziellen Abhängigkeiten der Kreatürlichkeit gelten, und den lebensgeschichtlich bedingten Abhängigkeiten, die auf ihrem Reifungsweg zu überwinden sind.  Diese Unterscheidung ist eine hohe geistliche Kunst. Moderne Frauen, die in Beruf und in der Gesellschaft kontemplativ leben wollen – und die gibt es! – haben den Ordensfrauen und den klausurierten Nonnen Wichtiges zu sagen in dieser Hinsicht, und umgekehrt genau so.  Dieser Dialog zwischen den Frauen könnte unserem Verständnis der christlichen Kontemplation eine neue Strahlkraft verleihen. 

Ich erlebe die C.I.B. als einen Raum in unserer Kirche, in der die Frauen im Gespräch und im Austausch mit einander auf der gemeinsamen Basis des Evangeliums und der alten spirituellen Tradition auf wesentliche Spuren kommen können.  In diesem Raum ist die Botschaft schon vernehmbar, dass eine moderne Frau – meinetwegen kann sie sich eine Feministin nennen, wenn sie will – wesentliche Hinweise auf Antworten für ihre Fragen nur in der Suche nach der Kontemplation finden wird. Auch die Botschaft ist vernehmbar, dass eine wahrhaft kontemplative Ordensfrau, ob Nonne oder Schwester, nicht daran vorbei kommt, eine moderne Frau zu sein. Sie verbindet ihre Suche nach Erfahrung der totalen Abhängigkeit von Gott mit einem gesunden modernen Selbstbewusstsein.   Sie entwickelt ihre Gaben, sie denkt selbständig, sie kann managen und regieren im Dienst der Gemeinschaft und der Menschen, wenn es sein soll.  All dies ist keineswegs weniger Ausdruck ihrer Beziehung zu ihrem Schöpfer als die Sprachlosigkeit der Kontemplation oder die Gebetssprache der Kreatürlichkeit, die Gesten des Respekts, der Ehrfurcht und der Anbetung.  Das  Zusammenwachsen der ganz unterschiedlichen Frauen, die nach der Regel des hl. Benedikts leben, könnte in unserer Kirche eine Lebensform und ein Frauenprofil sichtbar machen, die ermutigend und wegweisend für viele sein könnte.  

VI

Als Mann und Frau erschuf Er sie – die Beziehung zum Bruder

Das sind einige Wege, die für uns anstehen könnten, wenn unsere Organisation am Laufen ist.  Auch die Frage stellt sich, was zwischen uns und unseren Brüdern im Benediktinerorden ansteht.  Die Entwicklung der C.I.B. wird gewiss Auswirkungen auf den Charakter der Confoederatio Benedictina haben. Die Confoederatio wird eine Männerorganisation bleiben, aber das vertikale Verhältnis zu den Frauengemeinschaften wird zurücktreten.  Eine Frauenorganisation – vielleicht eine ganz andersartige wenn auch ähnlich durchorganisierte - 

wird zunehmend als Gegenpart in Erscheinung treten.  Im Zusammensein in der Confoederatio wird es auf die Dauer keine kanonische Benachteiligungen geben müssen. Es kann zu neuen Formen des Austausches und der Zusammenarbeit kommen – zum Vorteil für alle Beteiligten und für die Kirche. Die „Frauensache“ braucht hörende Männer, die zuhörende und lernende Partner sein können ohne Abhängigkeiten zu schaffen.  Solche Männer braucht auch die männliche Confoederatio.

Mit diesem Ausblick nähere ich mich dem Ende meines Vortrags.  Wir feiern hier ein Fest, und zum Fest gehört nicht nur das Sachliche, logisch Durchdachte eines Vortrags, sondern auch das Musische. So erlaube ich mir, mit einer Parabel zu schließen. Zum Wesen der Parabel gehört, dass sie einen tiefen Sinn hat, der aber nicht in der einen oder der anderen Erklärung festgelegt werden kann. So ist es auch mit dieser Parabel.  Sie stammt von Paul Claudel.  Wer Ohren hat zu hören, der höre. 

 

Die Parabel von Animus und Anima

(Paul Claudel)

Im Haushalt von Animus und Anima, von Geist und Seele (bitte bemerken – das sind es, um die es hier geht, Geist und Seele. Ähnlichkeiten mit irgendwelchen lebenden oder nicht mehr lebenden Mönchen bzw. Schwestern sind rein zufällig) steht nicht alles zum Besten. Die Zeiten liegen weit zurück – der Honigmond war bald vorüber – da es Anima freistand zu reden, wie ihr zumute war, und Animus ihr voller Entzücken lauschte. Schließlich ist es doch Anima, die die Mitgift eingebracht hat und den Haushalt in Gang hält.  Aber Animus hat sich nicht für lange Zeit mit dieser untergeordnete Stellung abgefunden und schon bald hat er seine wahre Natur herausgekehrt, seine Eitelkeit, seine Pedanterie und seine Gewalttätigkeit.

Anima ist unwissend und dumm, sie ist nie zur Schule gegangen, wogegen Animus einen Haufen weiß. Er hat eine ganze Menge aus Büchern zusammengelesen und hat sich überdies beigebracht, mit einem kleinen Kieselstein im Munde zu sprechen;  wenn er jetzt spricht, spricht er so gut, dass alle seine Freunde behaupten, besser als er könne man wirklich nicht sprechen.  Ihm zuzuhören wird man nicht müde.  Nun hat Anima nicht länger das Recht, auch nur ein Wort zu sagen: er reißt ihr sozusagen das Wort aus dem Munde, besser als sie weiß er, was sie sagen wollte, und an Hand seiner Theorien und von Reminiszenzen verdreht er alles derart, macht er das so geschickt, dass die Arme in ihrer Einfalt nichts mehr wiedererkennt.

Zudem ist Animus nicht treu, aber das hält ihn nicht davon ab, eifersüchtig zu werden: im Grunde weiß er sehr wohl, dass Anima das ganze Vermögen gehört, er ist bettelarm und lebt nur von dem, was sie ihm gibt.  Auch nimmt das Ausbeuten kein Ende. Um ihr das Geld aus der Tasche zu ziehen, quält er sie;  damit sie schreit, kneift er sie.  Er treibt Possen und erfindet Geschichten, um ihr wehzutun und zu sehen, was sie sagen wird.  Abends erzählt er dann alles in der Wirtschaft seinen Freunden.

Derweilen bleibt sie zu Hause, besorgt schweigsam die Küche und nach seinen Literatenversammlungen, die nichts als einen üblen Geruch hinterlassen, putzt sie alles, so gut es nur geht.

Doch da ereignet sich plötzlich etwas Sonderbares. Eines Tages kommt Animus unvermutet Heim, vielleicht auch schlummerte er nach Tisch, oder er war gar in seiner Arbeit vertieft, da hört er Anima ganz für sich allein hinter der verschlossenen Tür vor sich hinsingen: ein seltsames Lied, etwas ihm völlig Unbekanntes, unmöglich die Noten, die Worte oder die Tonart zu erkennen: ein ebenso sonderbares wie wundervolles Lied.

Seitdem versucht er auf hinterlistige Art, sie dahinzubringen, es nochmals für ihn zu singen.  Anima tut so, als verstünde sie ihn nicht. Sobald er sie anschaut, schweigt sie.  Die Seele schweigt, sobald der Geist sie anblickt.

Da hat nun Animus eine List erfunden;  er stellt alles an, um sie in dem Glauben zu wiegen, er sei nicht zu Hause.  Er geht hinaus, unterhält sich lärmend mit seinen Freunden, pfeift, schlägt die Laute, sägt Holz, singt vollkommen sinnlose Lieder.

Nach und nach fühlt sich Anima sicherer, blickt sich um, lauscht, atmet, glaubt sich allein; dann geht sie ganz leise hin, um ihren göttlichen Liebhaber die Türe zu öffnen. 

Aber Animus hat, wie man zu sagen pflegt, die Augen hinten am Kopf. 

 

Parabel bieten den Reiz an, die Erzählung fortzusetzen.  Wenn diese Parabel etwas Tiefes über das Wesen von Mann, das Wesen von Frau und die ewige Dialektik zwischen den Geschlechtern sagen will,  dürfen wir in der Geschichte, in der Literatur, in der eigenen Wirklichkeit nach Fortsetzungen schauen.  Eine solche Fortsetzung finde ich in den fast letzten Kapiteln der Vita Benedicti, den Kapiteln 33-38. Hier wird Claudels Parabel fortgesetzt in einer Begegnung zwischen Mann und Frau, in tiefer geistlichen und seelischen Intimität und doch durch die Unterschiede spannungsgeladen. Sie setzt sich weiter fort in einer Auflösung der Spannung, in dem der bisher scheinbar all-mächtiger Mann den Abstieg in die Ohnmacht auf sich nimmt und sich vor der größeren Macht der Liebe beugt. Dann kann die Schwester Abschied nehmen. Ihre Aufgabe ist erfüllt.  Sie hat ihre Melodie so singen gelernt, dass der Mann sie gehört und in sich aufgenommen hat.  Jetzt hat der Mann die geistliche Reife erreicht. Bei sich allein in der Nacht erlebt er, wie seine Augen aufgehen, um die Welt in einem Lichtstrahl zu sehen, so wie er sie noch nie geahnt hatte. Jetzt erkling seine Melodie anders als je zuvor.   Jetzt kann seine Regel Autorität bekommen, jetzt gilt es, dass er nicht anders lehren kann, als er lebt.  Seine Aufgabe erfüllt, stirbt er stehend, in der Ohnmacht des Todes durch den Empfang des Leibes und Blutes unseres Herrn gestärkt und von seinen Brüdern links und rechts gestützt. 

Im jenseits geht die Parabel noch weiter.  Im Eschaton, so lässt uns unser Glaube hoffen, wo in der Vereinigung mit dem Schöpfer die Geschlechtlichkeit vollendet wird, schmelzen sich die zwei Melodien – die Melodie des Animus und die der Anima - zu einem herrlichen Klang, den die Engel Gottes mit größtem Vergnügen lauschen als Abwechselung von Mozart.  Oder vielleicht ist dieses Duo so schön, dass die Engel selbst Mozart nicht mehr brauchen.

Liebe Brüder, möge unsere Ko-operation, unsere Begegnung, unsere gegenseitige Solidarität als Brüder und Schwestern in der benediktinischen Familie einen zuverlässigen Weg bieten zu dieser Vollendung hin.