Region 6

Rundbrief 5/2004

Region 6: Deutschland, Österreich, Schweiz, Skandinavien
Sr. Lucia Wagner, Kommunität Venio OSB, Döllingerstr. 32, 80639 München
Tel. +49(89)1795986, Fax +49(89)177004, wagner@kommunitaet-venio-osb.de

München, 30.10.2004

Liebe Äbtissinnen und Priorinnen, liebe Schwestern der Region 6,

wie freue ich mich, dass ich Ihnen von für uns Benediktinerinnen entscheidenden Entwicklungen schreiben kann und Sie durch den von der CIB-Sekretärin Sr. Monica Lewis zusammengestellten, von Schwestern aus verschiedenen Klöstern übersetzten informativen Rundbrief an allen Ereignissen teilnehmen lassen kann.

Die jährliche Konferenz der Delegierten der Communio Internationalis Benedictinarum (CIB) fand 2004 an zwei verschiedenen Orten statt: zunächst in der Stadt des hl. Franziskus, Assisi, wohin uns die Benediktinerinnen von S. Giuseppe, nach mehrjähriger Evakuierung wegen der Zerstörungen des Erdbebens von 1997 nun wieder in ihrem Kloster lebend, vom 16.-20. September eingeladen hatten; dann vom 20.-29. September in Rom, wo die Delegierten der CIB als Gäste am Äbtekongress teilnahmen.

Für die Entwicklung der CIB bedeutete dieses Treffen einen historischen Höhepunkt: es brachte die ausdrückliche Anerkennung der CIB durch den Kongress der Äbte. Damit war ein Ziel erreicht, auf das hin seit 1999 gearbeitet worden war. Doch davon später.

I. Was war das Besondere der Konferenz in Assisi? Die so gute Erfahrung der Konferenz 2003 in Australien, wo es zu einem Zusammentreffen der CIB mit der ANZBU, der Vereinigung der in Australien und Neuseeland nach der Benediktsregel lebenden Klöster (Männer und Frauen, benediktinisch, zisterziensisch, trappistisch, katholisch, evangelisch, anglikanisch) gekommen war, hat eine Fortsetzung gefunden: Äbtissinnen und Priorinnen aller italienischen benediktinischen Klöster waren zum Kennenlernen der CIB und zu einigen Stunden (17./18.9.) gemeinsamen geistlichen Austausches eingeladen, viele waren auch der Einladung gefolgt. Das in Pennant Hills vorgetragene und Ihnen bekannte Referat über „Versöhnung nach der Regel Benedikts“ von Margaret Malone („Suche den Frieden und jage ihm nach“, vgl. Monastische Informationen 116, 2003, S. 24ff) lag dem Kleingruppengespräch zugrunde. In jeder Gruppe waren jeweils einige Italienerinnen und eine CIB-Delegierte vereint. Es kam zu lebhaftem, teils sehr persönlichem Austausch, es wurden Kontakte geknüpft, die über die Konferenz hinausreichen werden. Es konnten Ängste abgebaut werden, es wurde erkennbar, wie sehr Nonnen und Schwestern benediktinischer Klöster zusammengehören und einander brauchen. Man könnte die Quintessenz dieses Austausches mit einer kleinen Abwandlung des Psalmverses belegen „Ecce quam bonum et quam iucundum habitare in unum“.

Unser Arbeiten war eingefügt ins gemeinsame Gebet mit der Gemeinschaft von S. Giuseppe; eine Vesper (17.9.) sangen wir mit den Clarissinnen am Grab der hl. Clara. Der Eucharistiefeier stand neben anderen der in unmittelbarer Nähe zum Benediktinerinnenkloster wohnende Bischof von Assisi vor, am Sonntag wurde die Messe in der Kapelle des Friedens gefeiert, einem kleinen (und ruhigen) Nebenraum der auch im Herbst noch touristisch völlig überlaufenen Kirche San Francesco. Am Grab des hl. Franziskus konnten wir ein gemeinsames Gebet sprechen. Viele haben auch das Geburtshaus des hl. Franz und die Kirche Santa Maria degli Angeli mit der Portiunkulakapelle besucht sowie das am Rande der Stadt gelegene Kloster San Damiano, in dem die hl. Clara gelebt hat und gestorben ist.

 

Vor und nach dem Zusammentreffen mit den italienischen Klöstern fanden Konferenzsitzungen statt. Von den behandelten vielfältigen Themen seien genannt: der Bericht der Moderatorin über die CIB-Arbeit im vergangenen Jahr, Erläuterung und Überprüfung des Antrags der CIB an den Äbtekongress, Vorbereitung des benediktinischen Symposiums, das für 2006 geplant ist, Überlegungen zur CIB-Konferenz 2005 in Polen, Finanzbericht, Diskussion um eine mögliche CIB-Fondation, sobald die CIB einen legalen Status besitzt. Den Abschluss der Tage in Assisi bildete ein beeindruckendes Podium über Versöhnung. Fünf CIB-Delegierte (aus Europa, Afrika, Südamerika und den USA) gaben Statements ab über Erfahrungen und Möglichkeiten von Versöhnung im klösterlichen Leben. Das Beispiel der Generalpriorin der Tutzinger Missions-Benediktinerinnen, M. Irene Dabalus, machte sichtbar, dass es manchmal Jahrzehnte dauert, bis Versöhnung möglich wird: in Mikukuyumbu in Tanzania, wo 1905 zwei Benediktiner und zwei Tutzinger Schwestern ermordet worden waren, fand nun, 100 Jahre nach deren Tod, am Ort der Ermordung mit vielen Menschen, darunter dem jetzigen afrikanischen Bischof und einem Ältesten jenes Stammes, der die Tötung zu verantworten hatte, eine bewegende Feier statt, in der es zur gegenseitigen Bitte um Versöhnung kam: Abt Dionys vom Ottilienser Kloster in Ndanda bat um Vergebung für die Fehler, die die Missionare gemacht hatten, der Stammesälteste um Vergebung für die Mörder. M. Irene hatte als Symbole einige große Halbedelsteine aus Afrika mitgebracht, kantige rauhe Steine, in denen sich im Laufe der Zeit Kristalle gebildet hatten, nun zu wunderschönen glänzenden klaren Halbedelsteinen geworden im Lauf der Jahrhunderte.

In vielen italienischen Klöstern ist zu beobachten, dass sie junge Schwestern aus den Philippinen oder Indonesien in ihre Gemeinschaften geholt haben, zum Teil aus ihren nach dem 2. Vaticanum gegründeten Niederlassungen in Ländern der Dritten Welt. Dadurch stehen die Klöster nun oft vor völlig neuen Fragen und Aufgaben der Inkulturation. Den Vertreterinnen der CIB wurde das augen- und ohrenfällig in den Rekreationen, die wir mit der Gemeinschaft von S. Giuseppe hatten.

Die Reise von Assisi nach Rom schenkte uns noch einen Kurzbesuch in zwei weiteren benediktinischen Gemeinschaften, in Bastia (Monastero di S. Anna) und Trevi (Monastero di S. Lucia), sowie die liebevolle gastliche Aufnahme im Benediktinerinnenkloster in Norcia. Hier sahen wir auch die noch erhaltenen Grundmauern des Elternhauses von Benedikt und Scholastika.

Assisi, die „Stadt des Dialogs“, hat den Dialog unter den Benediktinerinnen ein gutes Stück vorangebracht. Am 20.9. hieß es Abschied nehmen. Die Verbindung von S. Giuseppe zur CIB aber wird bleiben. M. Giacinta hat großzügigerweise der CIB angeboten, Räume für ein Sekretariat zur Verfügung zu stellen, nachdem die ursprünglichen Hoffnungen auf ein Sekretariat in S. Anselmo sich zerschlagen haben oder zumindest auf unabsehbare Zeit verschoben sind.

II. Der Äbtekongress in Rom vereinte die CIB-Delegierten mit über 200 benediktinischen Äbten aus aller Welt. Der Kongress war geprägt von einer geschwisterlichen Atmosphäre. Sowohl bei den Vorträgen wie den Abhandlungen und den Workshops waren die Frauen anwesend. Ein Höhepunkt des Kongresses war sicher, und das nicht nur für die Frauen, die überwältigende Zustimmung der Äbte zu der von Abt Richard Yeo OSB, Downside, vorgetragenen Bitte, der CIB im Rahmen der Confoederatio Benedictina den ihr zukommenden Ort zu geben. Sorgfältig über Jahre hin vorbereitet wurde den Äbten nun eine Einfügung im Benediktinischen Eigenrecht, der 1985 verabschiedeten Lex propria der Confoederatio, vorgeschlagen, der der inzwischen erfolgten Entwicklung des weiblichen Zweiges benediktinischen Mönchtums Rechnung trägt. Die Abstimmung darüber am nächsten Tag brachte ein überwältigendes Ergebnis. Der Applaus trieb Mutter Máire aufs Podium und sie konnte als Vertreterin der benediktinischen Frauen neben dem Abtprimas Platz nehmen - Benedikt und Scholastika nun, wie Abt Richard es ausdrückte, „unter einem Schirm“ vereint, wobei M. Máire schmunzelnd ergänzte, nicht nur gegen Regen, auch bei starker Sonne brauche man manches Mal einen Schirm, und es gebe auch Zeiten, wo man auf ihn verzichten könne.

Das Thema des Äbtekongresses, „Globalisierung“, wurde in zwei fulminanten Hauptreferaten behandelt – zum einen in wirtschaftsorientierter Sicht durch Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, zum anderen mehr spirituell durch Andrea Riccardi, einen der Gründer der Gemeinschaft von S. Egidio. Viele Einzelthemen wurden diskutiert: Fragen, Probleme und positive Entwicklungen rund um S. Anselmo – was wurde alles innerhalb der vergangenen vier Jahre durch Abtprimas und seinen hervorragenden Mitarbeiterstab bewegt! - , dann Nachrichten über die Situation einzelner Klöster, über Neugründungen, aber auch Bedrängendes über Klöster, deren Leben gefährdet ist (wirtschaftlich, personell oder aufgrund der politischen Situation), über die weltweite Vernetzung benediktinischer Schulen, über internationale Fortbildungsmöglichkeiten für Benediktiner und Benediktinerinnen, die verantwortliche Aufgaben übernehmen sollen. Angesprochen wurden die Bemühungen um den interreligiösen Dialog sowie die Möglichkeiten und Grenzen der Hilfe für Klöster durch die AIM (Alliance Intermonastère). Ergänzend zu den am Podium vorgetragenen Themen kamen interessante Workshops, meist durch kompetente Einführungen in Schwung gebracht. Einer davon galt auch den Beziehungen zwischen Männer- und Frauenklöstern.

Zur Audienz beim Heiligen Vater fuhren wir nach Castelgandolfo; einen Abendempfang in der deutschen Botschaft beim Hl. Stuhl durch Botschafter Dr. Gerhard Westdickenberg hatte der Rektor des Athenäums, P. Albert Schmidt OSB, Beuron, für die deutschen Teilnehmer und Teilnehmerinnen vorbereitet.

Fazit dieser Zusammenkunft der CIB in Assisi und Rom: Wir sind ein gutes Stück weitergekommen!

       Ihre

    Sr. Lucia Wagner OSB